24
Sep
2021

Geborgenheit

geborgenheit, heisst das neuste gedicht
es ist da

es ist in meinem kopf
es wartet nicht mehr

es hat keine geduld

es will los
es will abfahren

wann kommt der wirt und fragt
was wir trinken

was macht er für ein gesicht
wenn wir sagen
wir sind wunschlos unglücklich

das ist geborgenheit
ein satz sagen und danach
die stille

die stille wie nach der eigenen geburt

23
Sep
2021

elke erzählt

wir wohnen in einem möblierten zimmer
es riecht nach zitronen
es riecht nach innerer unruhe
es riecht nach diesem dichten vorhang
der uns die lebenlust nimmt

wir gehen wie zerbrechliche durch die stadt
uns ist zum kotzen zumute
wir heiraten, wir versprechen uns
wir sagen all die antworten auf
von denen wir nichts halten

wahrscheinlich kommen wir zu spät
wir späten trauergäste
wir versammeln uns
wir gähnen

wir sind die idioten die nichts zerbrechen wollen
und daran zerbrechen

wir wohnen in einem möblierten zimmer
manchmal schreien ein paar frauen das glück hinaus
aber ob es wirklich das glück ist
wir wissen es nicht

wir stellen uns alles vor
belügen unser gedächtnis
wir sammeln augen für die zerstörten
wir suchen uns und finden uns nicht mehr

der alte

der bin ich
und doch
bin ich immer noch
geliebet

ich sitz vor
der schranke
und warte

da kommt
franny und
fragt mich
wie spät

ich sage
mir klingen immer
deine worte
aus dem ohr

sie sagt
ich rede unverständlich
ich sollte klar und deutlich
reden
wie ein denkmal dass genau weiß um was es geht

ich verstehe
ich verstehe
ich sage sie an
ich spreche
moment

die anlaufspur hält nichts
von dem versprechen
dass ich gab

alles fängt an
ein neuer roman
ein neues gesetz

franny geht weiter
ich auch
aber ich bleibe sitzen
an irgendeiner schranke
in irgendeinem berlin

22
Sep
2021

Frau B

ich war auf dem amt
ich wollte frau b sprechen

ich schenkte ihr eine rose
eine rose
eine rose

ich trank mit ihr
bis vier
bier

wir redeten von der herzegovina
vom bosnischen tal
von sarajevo (als wärs ein traum)

ich träumte auch und
als ich erwachte
ging ich zum amt

ist frau b da fragte ich
wer, fragten die zurück

die luft lag in der luft
ich pumpte mir etwas geld
ich schielte

es war so gut zu schielen
soldaten rückten aus
jemand floh aus meinem gesicht

als ich erwachte
erwachte nicht nur ich
sondern auch die zäune
die hinter frau b und mir lagen

gedicht das nicht gelesen

nun schreibet er ein gedicht
das niemand nicht liest

niemand liest das gedicht
würde es jemand lesen

es würde der mensch
die frau
der mann
der torschützenkönig und
die germanistik
sich sagen

es ist recht sagen sie
auch die alten kommunisten
die einfach nicht glauben können
das ihr blick
jetzt wo er dahin treibt
nichts mehr zu tun hat
mit dir
mit ihr und mit ihm

dabei dachte sie oft
die alte lisa
jetzt wo windmühlen sich alles zurechtlegen
jetzt wo wir endlich erkennen wie blind wir sind
gehen wir auf die strasse und geben damit auf
unsere niederlage könnte kaum höher ausfallen

wie merkwürdig trocken der abgrund schmeckt
wie wenig von der alte vergesslichkeit uns
selbstvertrauen in unsere träume schmiert
was kostet das kleine wort
treten sie ein
wenn es doch keine bedeutung hat

elke erzählt

ich hatte gesehen wie er flog
er lächelte
den bademantel ins gesicht gezogen
der himmel voller bares

er öffnete die augen
er schloss sie gleich wieder
mach das radio aus, sagte er
camus ist tot?, fragte er

immer noch, dachte ich
das radio war an
sie spielten cliff richard
magst du cliff richard fragte er mich

ich antwortete nicht
ich sah aus dem fenster
ich sah wie du das fenster öffnest
hinaussprangst

deine türe war geschlossen
überall war lärm
unverzeihlicher lärm

jemand hatte dich klaus genannt
jemand schenkte dir ein
was ist mit camus, fragtest du
er wartet auf dich, sagte ich

21
Sep
2021

elke erzählt

du erzählst mir da von sandra
die dein teesieb festhielt und
sich nach und nach auszog und
gleich danach
wieder anzog
du sprichst von einem gefühl wie
brennendes metall
wie staub der auf einem vorhang liegt der dich ne menge gekostet hatte
ich fragte dich
was ist los mit dir
ich war es, die sich vor dir auszog
hast du das vergessen
ich hatte gesagt
es liege am teesieb
kaum halte man das teesieb in den händen
schon muss man sich ausziehen
du erzähltest mir von deinem bruder und
dass er in den krieg gezogen war
nicht aufzuhalten, der typ
du hast für seine zukunft gebetet
du hast ihm gewünscht dass er endlich
mal was klar macht oder
dass ihm etwas klar wird
selbsterkenntnis im genickschuss
ich danke
ich lachte dich nur aus
ich hielt dieses taschentuch wie ein abenteuer
in deinen händen
ich verlor den rythmus zu allen
war trotzdem auf der spur
was wir später taten
taten nicht wir
sondern taten du und ich
jeder auf seine weise
ich hatte dir gesagt
ich schreib dir
aber an der art wie ich es sagte
hättest du merken müssen was los war
du warst sehr aufdringlich
du wolltest mich haben
fragtest nach meinem mietvertrag usw.
aber wahrscheinlich hast du recht
wahrscheinlich war es wirklich nicht ich
die dir den rest gab und du alles
danach nur noch vermasseln konntest
grüß sandra von mir, wenn du sie irgendwann einmal triffst
sag ihr
man existiert nur
wenn man es aufschreiben lässt und jetzt
halte dich von mir fern
sonst ergeht es dir wie all den zukunftssicheren unglücklichen
die hinter mir liegen
sie sehen alle wie begraben aus
wahrscheinlich habe ich sie deshalb so gerne

20
Sep
2021

Enkelbriefe

kinderleins schreiben
an die grossmütter und großväter
schreiben
bitte
hebt
die stimme
für uns auf
wenn wir
sind
erwachsen
nehmen wir sie auf und
denken an euch
im guten
wie im schlechten.....
ich schrieb dies gedicht
ich musste weinen
soeben wollte ich einen
hund kaufen
aber es reichte wieder nur
für ein brötchen
mit dem brötchen im mund
ging ich zu petra
ich sagte petra
wir müssen was tun
die erde geht unter
petra drehte ihre mütze zur anderen seite
das muss reichen, sagte sie

Enkelbrief

Ich kann es jetzt tun
Du hast es verpasst
Wenn jetzt alles wichtig ist.
Ich vergesse morgen
Das Auto ist da.
Buchstaben zu Farben.
Dort können Jungen und Mädchen schreiben.
Was tun mit dem Orang-Utan?
Ich habe ein Gesicht mit meinen Großeltern.
Was ist das Problem?
Jetzt muss der Junge Schokolade essen.
Du musst bezahlen.
Aus diesem Grund
Der Ort, an dem die Menschen seit vielen Jahren leben, ist ruhig.

3000 wörter

sie wirft dir ein handtuch hinterher
sie sagt
ich mag mich an vergessenes erinnern

sie knabbert an salzstangen
sie sieht dich an
sie sieht dich an
wie sie kurz davor die salzstangen ansah

sie nimmt an irgendeinem wettbewerb teil
du hoffst dass sie nicht gewinnt
du hast angst sie könnte nachlässig werden
wenn sie gewinnt

sie sammelt augentropfen um sie in deine
nase zu reiben
sie geht über deiner haut spazieren
sie sagt
ich habe angst mich zu verlaufen

deshalb stehst du vor ihrer türe
sie ist damit beschäftigt
den blinden zu erzählen
was die augen nicht sehen

sie wirft dir ein handtuch hinterher
sie sagt
das ist für später
wenn du verstehst was ich meine

elke erzählt

durch die strassen ziehen
die strassen einer fiktiven frau
irgendwo eine raumstation
irgendwo ein federleichtes ereignis
kurz davor noch
einen tropfen guten verschwitzten kaffee
das gefühl, nein nicht das gefühl
der gedanke daran dass jemand nackt sein kann
und dass das nicht ich sein muss
tomatengeschältes abenteuer
wir am rand
an den rand geschossen
erniedrigt durch die anderen
plantagen voller träume
weißt du, sage ich, wenn ich mir vorstelle
das irgendwo ein ereignis wäre
aber ich käme nicht ran
ein schuss zu viel
ein schuss zu wenig
du schaust rund um die uhr auf die uhr
du willst keinen augenblick versäumen
du willst versöhnung
du willst dass die augenblicke vergesslicher werden
so dass sie sich erneuern
während ich alleine durch die strassen ziehe
alles eine ewigkeit kostet
doch wer weiß
vielleicht ist es das wert

19
Sep
2021

Elke erzählt

ich war schon lange nicht mehr im dorf gewesen
nun saß ich im zug und fragte mich
wie ich an die geldbörse herankommen könnte
mit der
der clown vor mir ständig herumspielt
bestimmt hatte er sie selber gestohlen

ich blickte ihn an
ich sagte
ich hab mal einen soldatenhelm gefunden
der sah so ähnlich aus wie sie

er blickte hinab
hinab in die zukunft
das konnte ich deutlich sehen

hunde und berge setzten sich ab
ein grüner wanderte mit einem plakat
von einem wahllokal zum anderen

ich schrieb einen brief an meinen ehemann
lieber ehemann, schrieb ich
ich bin spontan ins dorf gefahren
ein paar taube ohren anschreien
sie verbiegen
in die luft schauen
in den geruch von schweiss und sanfter musik fliehen
geniessen
wie sie mich anschauen
wenn wir es unter den tischen treiben

wie lange ist das her
das vollmond war und deine haut
nach lakritze schmeckte
wir vögelten ohne dass wir es geschlechtsverkehr nannten
wir stiessen einander an und wurden ganz trunken

ein paar hilfspolizisten klopften bei uns an
sie hatten das leise fliehen von geräuschen gehört und
dachten
das sehen wir mal nach

geben sie mir die geldbörse sagte ich dem mann
sie gehört doch gar nicht ihnen
ich hielt sie schwerelos in den händen
warf sie in die luft und bei gemünden
stieg ich aus und summte ein lied
dass ich vergraben würde
in der nacht

mein lieber ehemann.

ich hab mit diesem spanier
gesprochen
er riecht so gut
er sieht aus wie ich dich
mir immer vorgestellt habe
er ist weißbinder und
wenn er schweigt verfärben sich die worte
umkreisen die gespräche der anderen
die vor einem stuhl stehen
der jede bedeutung verloren hat

Elke erzählt

es war ein historischer tag
denn ich hatte ja gesagt
er nahm meine hand in seine und
schien sie dort zu vermessen
ich schaute ihn an
fragte mich
an was er wohl nicht dachte
an die olympischen spiele in sapporo
an winchester
an die vielen denkmäler mit unbekannten soldaten
an die neue art hallo zu sagen, mochte er wohl auch nicht denken
er strich mir übers haar
so wie es nur tiefseetaucher tun können
er trug feste arbeitshandschuhe
stolz zeigte er mir seinen impfpass
er sah mich an und sagte
und jetzt du

Wie machen wir das

ich schreibe
du bleibst

ich schreibe
du bleibst

draußen bleiben
schreiben bleiben

ich gehe
du gehst

du drehst deinen schatten zu mir
du sammelst postkarten die du nicht schreiben wirst

ein vogel auf einem käfig
das sieht immer nach riesenspaß aus

du öffnest das fenster
du kommst herein

deine augen tragen die farbe des offenen fensters
ich bleibe allein

Elke erzählt

er mochte diese schulranzending
ich meine, er spitzte bleistifte davor
erzählte wie er früher beinah den klassensprecher
verprügelt hätte
weil er klassensprecher nicht leiden konnte
heute legte er den arm um mein lieblingsshirt
er streichelte es
bis ganz tief unten
ich mag es wenn er von seiner pistolensammlung redet
ich fragte ihn, hast
du schon mal auf eine/n geschossen
natürlich, sagte er
ich schiess auf alle die eine abkürzung suchen
er lachte
cool
er war standfest
ich stellte ihn mir mit einem wachturmheft
vor einem wasserstandsmelder vor
weißt du dass ich noch nie, sagte er
du weißt schon
ich knabberte an einem knäckebrot
er hielt eine tennissschläger in der hand
wäre es ein tennisschlager wäre es etwas ganz
anderes
er nickte
er gab mir recht
ich zog die stiefel aus
was ist, fragte ich
öffne das fenster sagte er
ich sah ihn an
bist du sicher, fragte ich
ich bin es
ich öffnete es
er sprang hinaus
ein kugelschreiber blieb in der luft
er saß unten
trank mit cindy einen kaffee
du bist nett, sagte sie
ich weiß, sagte er

Elke erzählt

du möchtest den jungen von nebenan hören
wie er sich fürchtet
wie er sich vor dem eigenen abschiedsbrief fürchtet

du hörst ihn atmen
du hörst wie er die suppe erkennt
wie er die suppe in seinem mund erkennt und
wie er schlürft das erkennst du auch

du dachtest du wärst darüber weg
du hast das shirt angezogen und den rest und
hast ihm gesagt
dass er gehen soll

das fenster stand offen
es roch nach alten apfelschalen
nach gehilfen und toastern die mit
sich sprachen und überhaupt mit nichts
einverstanden waren

dein vater, ein alkoholiker wie er in
den sachbüchern stand
öffnete die augen
er griff nach einer flasche
er griff nach dem ersten durst
er dachte
ich klopf mal bei ihr an

es klopfte und du dachtest dass das klopfen nicht mehr endet
du hattest große lust dich aus dem zimmer zu schleichen
die tropfen zu erkennen die unter deinen augen weiterschliefen
dir brannte das genick
es war
als hättet ihr es das erste mal getan

das fenster stand offen
wie auf einem sprung
der vater schrie nach schnaps
aber der schnaps hörte nicht hin

es roch alten nächten
nach populären pistolen
nach vergrabenen
nach ideen die man sich zusammenspann
die nichts miteinander zu tun hatten

er dachte, es geht vorbei, sie hat
mich schon vergessen
aber du hast ihn nicht vergesssen
du erinnerst dich nur nicht mehr an ihn
nicht mehr an das rasiermesser unter den achseln
den verbrecherblick
den blick eines königes der verraten wurde von den eigenen leuten

jemand flog aus der türe
jemand kam herein
schnaps sagte der vater der vor ihm stand
während du bereits geschichte warst
geschichte die sich entfernt
geschichte die sich wiederspiegelt in fremden augen
in anderen plänen
die nichts mehr zu tun haben mit dir gehen an dir vorbei
du möchtest ihn zulächeln
du möchtest sie fragen
wohin so ein abschied geht
wenn er geht

während er sich die schuhe ansieht
die lippen aneinanderpresst
mit den schuhen wird er gleich draußen sein
das war gestern vor mehr als fünfundvierzig jahren
er ging schnaps für den vater holen
er wird die halbe flasche selbst austrinken und
wasser reinschütten
er wird an dich denken
so wie man an alles denken kann was einem nicht mehr betrifft

18
Sep
2021

der liebe drum

klaus liebt klaus
aber klaus kann
klaus nicht lieben
warum kann klaus
nicht klaus lieben
hat klaus was gegen klaus
nein
klaus liebt klaus aber

er kann ihn nicht lieben
er kann ihn nicht lieben
weil er sich zum verwechseln
ähnlich ist
auch der name
schaut nur, ruft er den
anderen zu
die den hut heben und
weiterziehen
oder stehenbleiben,
er heisst ja wie ich oder
ich wie er

was war zuerst fragt klaus
der name oder die liebe
der name sagt klaus
er weiß
etwas ist falsch an dieser
antwort
aber er kann nicht
er kann keinen lieben
der wie er heisst

lass dir wenigstens einen bart wachsen
oder sag
dass du zu den alten terroristen gehörst
jene
die man schon lange nicht mehr sucht

sag
du heisst nur klaus weil du
genauso gut rene heissen könntest
ja sagt klaus
das wäre möglich
es wäre möglich sagt klaus
das wir beide uns rene nennen

...

Elke erzählt


nach dem umsturz war es anders
die lieder klangen als gingen rauschende bärte an dir vorbei
in den betten wurde gestolpert
jemand der alles barfuss machen wollte zog sich socken an

es war vernünftig an die unvernunft zu denken
wir hatten schafskäse gesagt und schon lag er vor uns
wir schnitten die brote aus den käfigen
jemand kam zu besuch
er trauerte den millionen hinterher die er nicht hatte
jemand sagte
zieh dich aus
das fenster stand offen
die steuersünder saßen auf den fensterbänken
ein kanarienvogel hatte sex
ich fragte mich wer zuerst eine zahl genannt hatte
eine brandung
eine grüne glatte fläche
auf die legte ich mich
jemand rief einen namen
das war nach dem umsturz

nach dem umsturz war alles anders
wir blieben lange liegen
die sonne betrachtete uns
die borgs weigerten sich uns zu assimilieren
wir hatten ein gefühl
als wäre es niemals genug

17
Sep
2021

in der nacht träumte der nichtschwimmer

(4)

die schwimmer griffen ihn an
mit langen dolchen
durchsichtigen säbeln
mit messern die bis ans ende der welt reichten

sie drohten den nichtschwimmen
wir
vergessen euch
sie lachten
sie hatten eimerweise meerwasser dabei

flieht nicht riefen sie
es wird tief, hörte man sie schreien

wutentbrannt lag die stimmung am boden
es gab kein ringen und kein fragen mehr
die kanäle belogen sie
die umsicht verschwand

wer nun nicht mehr schwimmen konnte
lag in den seilen
träumte vom sand im getriebe
träumte den alten fiebertraum

zuerst hatte er den eindruck er müsste dulden
dann wehrte er sich und schließlich bekam er einen schreck
er war der boshafteste von allen im traum und
er konnte schwimmen

der bericht des schwimmers

(3)

er erinnerte sich, neulich bin ich weit rausgeschwommen
ich war traurig und wenn ich traurig bin
muss ich schwimmen
was tut der nichtschwimmer, dachte der
schwimmer, wenn er schwimmen muss, wenn
er schwimmen muss wenn er traurig ist oder
ist er nicht traurig, weil er ja nicht
schwimmen kann.
ist es besser etwas nicht zu können.
er zweifelte.
er sah zum mond, wenn er schwamm nahm er
den mond anders wahr, er war ihm näher
aber hatte er das ufer erreicht
war er weit und alt wie immer.
er verstand warum er nicht verstand, er
musste verstehen um zu verstehen, sonst
würde er es nicht begreifen, er musste es begreifen, es
war wichtig es zu begreifen.
es musste diese unterschiede geben. er der schwimmer begriff,
der nichtschwimmer begriff nicht.
das waren fakten, danach musste er leben, selbst wenn er
verschwand, selbst wenn er eines tages starb, musste er begreifen.
der tod macht uns alle zu nichtschwimmern, dachte er, er
erschrak, er wollte diesen satz nicht denken, er machte sich
vorwürfe, er war traurig, er schwamm in irgendeine richtung die
er wegblasen würde sobald er sie fand

der nichtschwimmer in der badewanne

(2)


es kam ihn verdächtig vor
dass die nässe
wenn sie richtig nass war
richtige nässe war

er tropfte gerne
er schnitt die augen ab
er sah zu seinem ewigen geschlechtsteil
er musste lachen

er dachte an das frühstück mit christine
sie war dichterin
sie dichtete
sie wollte die nacht fotografieren in der
alles verloren ging

sie hatte keinen fotoapperat
sie hatte nicht einmal lust fotos zu machen
ihre fotos passten in keinen rahmen
sie hieß christine
sie war dichterin

sie schwamm von einem ende zum anderen
sie empfing ihn mit rosenschleierduft
sie war nackt
nackt wie eine uniform

sie versteckte sich in ihrer nacktheit
daran dachte er
während er sei geschlechtsteil ansah
geschlechtsteil klingt komisch, dachte er und
lachte nicht mehr

Der Schwimmer und der Nichtschwimmer

(1)

die anderen rieten dem schwimmer ab
denk an das wasser sagten sie

sie schenkten ihm weichkäse
und schokolade mit pistaziengeruch

sie sammelten pfandflaschen für ihn
allein
es nutzte nichts

er ging zu ihm hinan

er wohnte in der nichtschwimmerstrasse
ganz unten
dort
wo ma wirklich nicht an das gewässer dachte
an den fluss
an das meer

hinter seinem fenster sah er gar nicht traurig aus
er konnte nichts sehen
nur dunkelheit
aber es kam ihn vor
wie eine tiefe helle dunkelheit

der schwimmer klingelte
der nichtschwimmer öffnete die türe
da bin ich rief der schwimmer
da bist du rief der nichtschwimmer

wusstest du dass ich eine tochter habe, sagte der nichtschwimmer
der schwimmer schüttelte den kopf
es gab keine töchterlichen nichtschwimmer
es gab gesetze und die waren klug
es gab nächte und die waren voller fakten

warum lernst du nicht schwimmen, fragte ihn der schwimmer erbost

du fängst wieder an, sagte der nichtschwimmer
ich lerne nicht schwimmen weil ich keine bewegungen
machen kann
würdest du es lieber sehen wenn ich es versuche und ertrinke

du ertrinkst nicht, sagte der schwimmer
er sah auf die geborgten getränke
auf die harten schalen einer kartoffel die auf dem boden lagen

er lachte kurz
dann sagte er
du hast es gut hier
was dir aber fehlt ist der blick für den nächsten

der nichtschwimmer schaute ihn fragend an
der schwimmer nickte, er sagte, hier, du liest
camus
ausgerechnet du
du kannst nicht schwimmen
aber du liest camus warum

ich mag ihn gerne lesen, sagte der nichtschwimmer
die dächer über ihnen rosteten langsam ein
irgendeine frau stand an der brücke
bald würde sie springen
aber da war der schwimmer schon vorbeigegangen

der schmerz

und dann, pflegte er zu sagen
dann kehrt der schmerz zurück
aber nie an dieselbe stelle

nein
er packt sich eine andere
er ist neugierig

es ist wie ein morgen der zufälle
du rutschst aus und fängst dir etwas ein

du schreitest an deinem ziemlich
kleinen balkon herum und starrst
in die andere wohnungen

oder
du fährst mit dem rad nach oben
dort wo du als kind so oft nach unten fuhrst

wie oft hattest du damals gedacht
ich muss nicht nach unten fahren
ich kann auch stehenbleiben

der morgen vergräbt alle gewesenen landschaften hinter sich
er bringt dir die nacht nicht mehr zurück in der dir die zahlen
vorkamen wie ein strenges gebäude
immer wenn du einlass forderst
sagten sie
die zahlen stimmen nicht mit dir überein

der preis

vielleicht dass ich zu tief in die ferne blickte
wasser und brot peitschten umher
ihre schreie lagen in der luft
am boden und sonstwo

wo
die nichtschwimmer nicht hinkamen
da tauchten die schwimmer auf
es war ein unendlicher kampf den
keiner begann

alle vergessenen wurden eingeschlossen
alle verlassenen standen herum
sahen sich an
die zeit wurde knapp

sie war nicht zu fassen und doch
erkannte man sie
man erkannte sie an den verlassenen
die man vergessen würde

würde man sie vergessen
lagen sie in unsicheren ketten
am strassenrand

das leben war weit
weiter als jener zug
jener zug von dem man nichts wusste
vor dem man floh
man floh immer ins ungewisse und hörte von dort
jenen zug
namen rufen

anders

jede nacht den selben traum
ich komme bei ihr an
wir küssen uns
fahren mit der strassenbahn zu ihr und
verteidigen unsere schritte nicht mehr
dabei hätte ich es anders tun müssen
schon auf der bahnfahrt
musste ich nicht so sitzen
so entgegen jeglicher richtungen
ich hätte die anwesenden mit spässen unterhalten sollen
wenn auch bloß im inneren
schliesslich hätte ich sie gesehen
wie sie am bahnsteig auf jemanden wartet
ich hätte aussteigen
zu ihr hin sollen
ihre mütze in eine andere richtung drehen und
dann wieder weg
das war meine aufgabe
das ist die aufgabe die ich habe
ich bin mützenherumdreher für frauen
ich beneide mich nicht um diese erkenntnis
sie kommt viel zu spät und es ist ja alles nutzlos
heute tragen die frauen keine mützen mehr und
wenn bestimmen die selbst die richtung
wohin sie sich drehen und hier meine ich
die mützen
die sie trug war leicht herumzudrehen
herumdrehen und wieder gehen
das wäre gut gewesen
ich hab es nicht getan und deshalb träume ich
jede nacht
ich irre durch die gegend und suche mützen die
ihr ähnlich sind
ich steige aus und wir umarmen uns
ich sage mir im traum
ich umarme nicht sie, sondern ihre mütze
aber nein
das ist gelogen
der traum hängt schief
er sucht eine betrachtung die mich erwachen lässt und
erst als ich daran denke
das wir uns nicht mehr begegnen
erinnere ich mich
dass es eigentlich ganz schön war
ohne uns

mehr als sprechen kann ich nicht

schon wieder ein gedicht, sagt er
er sitzt auf der bank
hinter ihm ein paar bäume die
den herbst einreisen lassen
einfach so
nur so, denkt er, schreib ich
ein gedicht nach dem anderen
ich könnte auch keines schreiben
es wäre dasselbe

schmutzige fenster in seinen sprechenden augen
etwas hallt wider
leistet widerstand
widerstand gegen was

man kriegt alles abgenommen

die drahtzäune sind wie fliessendes wasser
in diesen kopf angekommen
die wiesen vergessen
die nacht versäumen
von dunkelheiten träumen
von dem ewigen streit der rasenmäher

vom verlassen der gebeugten
bleiben immer nur die gebeugten übrig
was geht
wohin stehst du
warum erinnert er sich
er hat doch den faden verloren

hinter ihm staunen die bäume
die bank sitzt da und wartet
auf eine idee

die romanzen

ihre kerzen brannten
davon
sie lösten sich
entfernten sich

sie gingen zu
politischen
veranstaltungen
lernten sich trennen
gaben vor
sie erinnerten sich

sie lagen nebeneinander
in den geschichten
von den kindern am bahnhof zoo
waren sie die
die nicht vorkamen

sie brannten darauf
nicht mehr zu brennen
sich zu suchen und
sich niemals zu finden

sie lagen in den glaskugeln der wahrsager
sie suchten verwandte in den erinnerungen
sie kauften teppiche damit sie sich sagen konnten
wir haben uns einmal getroffen, weißt du noch

es war dienstags
die cafe waren nur für die überflüssigen
geschlossen und wir standen davor und
wollten hinein
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